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Was würde ein Berg tun? Aktivismus in einem Zeitalter der Verflechtung (German translation of ‘What would a Mountain do?’)

Was würde ein Berg tun? Aktivismus in einem Zeitalter der Verflechtung
Bayo Akomolafe
Keynote Address at the Impuls/Smart CSOs Conference November 5, 2015 (Berlin, Germany)

aus dem Englischen übersetzt von Thomas Wilharm
„Wie wundervoll, dass wir einem Paradoxon begegnet sind. Nun haben wir ein wenig Hoffnung, Fortschritte machen zu können.“ (Niels Bohr)

Es ist schön, wieder hier zu sein. Deutschland sieht sehr anders aus, als zu der Zeit, als ich es das letzte Mal besucht habe. Nicht nur, weil vieles sich geändert hat, sondern weil ich drei Monate alt war als ich herkam und drei Jahre, als ich wieder ging. Daher kann ich mich nicht an meine Zeit hier erinnern, abgesehen von ein paar undeutlichen Eindrücken, wie ich auf einer Couch hüpfe und mir die Unterlippe auf dem Fußboden aufschlage. Meine Mutter erzählt mir, dass ich mit einem starken ausländischen Akzent sprach, eine deutsche „Freundin“ hatte und auf Deutsch bis zehn zählen konnte. An nichts davon erinnere ich mich.

Im Winter 1983 wurde ein nigerianischer Diplomat, seine Frau und zwei Kinder von unserer Bundesregierung nach Bonn entsandt, das damals die Verwaltungshauptstadt und der Sitz der Regierung Westdeutschlands war. Meine Schwester Tito wurde später in Bonn geboren. Es existiert eine unbestätigte Familienlegende, dass mein Vater sie nach seinem politischen Helden, dem Jugoslawen Josip Broz Tito benannt hat. Ich habe aber auch gehört, dass es sich um einen Zufall gehandelt haben könnte: mein Vater hat im Angesicht des taufenden Priesters nach einem Namen gesucht, der für die Mehrheit unserer neuen, weißen Welt leicht auszusprechen war und er wählte das erste Wort, das ihm in den Sinn kam. Ich kann mir vorstellen, wie unangemessen kurz die Erleichterung des Priesters war, als er bei ihrem Nachnamen anlangte: Akomolafe.

Auf eine etwas komische Weise fühlt sich Deutschland für mich an, wie nach Hause zu kommen. Und in mehrfacher Hinsicht wie eine kosmische Wiederbegegnung , eine fühlbare Wiedererinnerung an Teile meiner selbst. Ich bin hier, weil wir in einer Zeit leben, in der vieles hinweggespült wird. Einfache Unterscheidungen, trennende Membranen und Mauern werden dünner und dünner und brechen schließlich zusammen. Das betrifft nicht zuletzt die sturmreife Barrikade zwischen den Menschen und dem Planeten, zwischen „Uns“ und „Denen“, zwischen Kultur und Natur, zwischen dem Festen, Stofflichen und dem Sprunghaften, zwischen dem Praktischen und dem Mystischen, zwischen Zusammenhang und Durcheinander.

Drei Jahre nachdem meine Familie das Revier des Bundesadlers hinter sich ließ, fiel die Berliner Mauer. Ich habe gelesen, dass es ein Versprecher (wie der meines Vaters bei der Taufe) war, ein Fehler, begangen in einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989, von Günter Schabowski, damals Sprecher der in Ostdeutschland herrschenden kommunistischen Partei, der den Anfang vom Ende dieser „Mauer der Schande“ einleitete.
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Gleichwohl war Berlin auch der Ort einer noch bemerkenswerteren Versöhnung der besonderen Art. Gemeint ist der Beginn eines Gedankenaustausches, der unser Verständnis der Dinge elektrisieren sollte und dessen Widerhall in diesen Zeiten scheinbarer Ausweglosigkeit immer größere Verbreitung findet. In Zeiten, in denen die „klassische Physik“ des Aktivismus in Schwierigkeiten gerät.

Im Jahr 1920 hat hier in Berlin Albert Einstein, der wahnsinnig exzentrische Anhänger von Ockham`s Rasiermesser und Eroberer der gegenständlichen Welt, zum ersten Mal sein dänisches Gegenüber, den brillanten Physiker Niels Bohr, getroffen.

Anmerkung: „Ockham`s Rasiermesser“ bezeichnet ein auf Wilhelm von Ockham (1288 – 1347) zurückgehendes Forschungsprinzip, dass von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen ist. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt. Für jeden Untersuchungsgegenstand wird nur eine einzige hinreichende Erklärung anerkannt. Die metaphorische Bezeichnung als „Rasiermesser“ ergibt sich also daraus, dass die einfachste und zugleich passende Erklärung eines Phänomens alle anderen Erklärungen „abrasiert“. (Quelle: Wikipedia)

Nach Einsteins Einschätzung war es ein wunderschönes Zusammentreffen, gewisser Maßen eine vielversprechende Verbrüderung mit dem Segen der Götter der kleinen Dinge. Trotz des ursprünglichen Geistes gegenseitiger Bewunderung kühlte ihr Verhältnis in den folgenden Jahren deutlich ab. Einstein war in seiner cartesianisch-newton`schen Weltsicht befangen. Er glaubte an ein Universum mit klar unterschiedenen, eindeutig platzierten, abgegrenzten und messbaren Objekten, die Raum und Zeit mit Spendierfreude ausgeschüttet haben. In einem musikalischen Sinne war die Welt für ihn wie ein Lied, das aus Substanz und Geist komponiert ist und dessen Text für all jene lesbar ist, die am eifrigsten über ihn nachdenken. Einem Paradox oder einer gedanklich unmöglichen Situation zu begegnen würde darauf hindeuten, dass man noch nicht alle Teile des Puzzles in Händen hält. Für Einstein stand die Wahrheit fest. Er betrieb nach seinem Verständnis solide Erkenntnislehre. „Gott würfelt nicht“ lautet sein berühmter Ausspruch.

Und doch schien die Wissenschaft an einem zutiefst verstörenden und verwirrenden Punkt ihrer Geschichte angekommen zu sein. Es schien, dass Gott nicht nur würfelte sondern quasi selbst ein Casino war. Es begann mit Untersuchungen über die Natur des Lichts. Unter bestimmten Bedingungen verhielt sich Licht sehr ähnlich wie voneinander getrennte Energiepakete – wie auf Billardkugeln aufgeteilt. Unter veränderten Bedingungen aber zeigte es das Verhalten nicht lokalisierbarer, gebeugter Wellen, die sich in alle Richtungen ausbreiteten. Wie konnte etwas beides gleichzeitig sein, gegenwärtig und abwesend, hier und dort, dies und das? In Einsteins Welt war kein Raum für derartigen Unfug. Werner Heisenberg, ebenfalls Physiker, brachte die Theorie kollabierender Wellen und das Prinzip der Unschärfe ins Spiel. Er meinte, dass wir unmöglich wissen könnten, was „hinter dem Vorhang“ vor sich gehe. Die Unschärfe sei in die tieferen Strukturen des menschlichen Geistes eingebaut, und stelle eine Art Erkenntnis-Schwelle dar, die uns daran hindere, uns die bestehende Natur der Wirklichkeit zu erschließen.

Und jetzt kommt Niels Bohr, der Vater der Quanten-Theorie.

Der in Kopenhagen ansässige Philosoph und Physiker stellte eine Reihe radikaler Fragen: Wie ist es mit der Sprache? Was ist mit der Art, wie wir Sinn konstruieren? Was genau bedeutet „Partikel“ oder
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„Welle“? Für Bohr liegt der Grund, warum sich das Licht so selbstentwertend benimmt darin, dass „es“ unbestimmt ist. So wie die „Realität“ selbst. Es ging nicht um Fragen der Unschärfe oder die Grenzen der Erkenntnis. Die Sonderbarkeit dessen, was geschah, ging bis ins Mark und band den Beobachter und das Beobachtete, die Sprache und die Materie mit einem einzigen Seil zusammen. Bohr lud uns zu der Vorstellung ein, dass die Natur einer „Sache“, ihr Wert und ihre Bewertung sich mit dem experimentellen Apparat verändern, den wir zur Bestimmung „seiner“ Natur verwenden. Ein „Ding“ ist nur ein „Ding“ im „Zusammenhang“ mit einer Beziehung. Wird die Beziehung verändert, verändert sich der Gegenstand. Anders ausgedrückt: Es gibt keine „Dinge“, sondern nur Vernetzungen, Verflechtungen, nur Beziehungen und eine Verflechtung ist kein Haltestrick für ein bereits festgelegtes Wesen des „Dinges“. Es ist ein ständig fortlaufender Prozess der gegenseitigen Befruchtung, der die Gegenständlichkeit erst ermöglicht. Ein Walzer von tausend Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Die Welt verschmilzt in einem beständigen Liebesakt mit sich selbst. Das Elektron schwebt nicht „in“ der Leere, es ist die Leere und die Leere ist eine sich steigernde Abfolge von Versuchsanordnungen zur Erkenntnisgewinnung und nicht der leere Raum der newton`schen Vorstellungswelt. Einstein lachte nervös und nannte Bohrs Verflechtungs-Erklärung eine „gespenstische Aktion aus der Ferne“.

Sicherlich ist mir jetzt in meinem lückenhaften Verständnis der Quantentheorie einiges durchgerutscht. Ich bin ein fröhlicher Dilettant, der den Wirbel und die Magie des Geschichtenerzählens gerne als kleine Entschuldigung für seine eigene Verwirrung nutzt. Und dennoch, es scheint klar zu sein, dass unser Verständnis der Welt tatsächlich geisterhaft und beunruhigt ist. Wir können die Unterstellung nicht aufrechterhalten, dass das, was wir grober Weise „die Natur“ nennen, vollständig durchschaubar oder zähmbar oder stumm ist. Begriffe wie Gedanke, Kausalität, Handlung, Erinnerung, Einsicht, Gefühl, Raum und Zeit, Raumzeit, Gegenwart und Menschlichkeit werden in ihrem wesentlichen Gehalt angefochten. Die Dinghaftigkeit des Selbst, das hoch geschätzte Kunstprodukt unserer modernen Stofflichkeit, die einzige Türangel, an der unser modernes System der Individuation aufgehängt ist, beginnt zu schwinden.

Heute erleben wir einen Aufruhr des „Anderen“ in Form beängstigender Horden. Was wir unterdrückt haben und sicher behoben glaubten, stresst uns jetzt und zerrt an uns. Das „Andere“ – einst entfernt und weit weg – bricht in unsere gepflegten Vorgärten ein. Überall um uns herum werden wir von Gespenstern geängstigt, die die Moderne zu verbannen versprach. Die Aussicht, private Bürger einer rationalen Wirtschaftsordnung in einem Nationalstaat bleiben zu können schwindet. Dasselbe gilt für die Idee, dass wir andere einfach ignorieren könnten, weil sie einen anderen Pass oder kein Visum haben. Die Überzeugung, dass die Lösung unserer vertracktesten Probleme darin liegen könnte, die richtige Antwort oder das korrekte Lösungsmodell zu finden, ist schlicht dabei zu implodieren. „Business as usual“ ist tot. Das einst Ferne ist nun nah, am Rande unserer Städte, an der Schwelle unserer Häuser, direkt vor unseren Augen.

Von den schmelzenden Gletschern, die den Zustand des Planeten verändern, über das giftige Wasser, das tausende Kilometer entfernt aus radioaktiven Kraftwerken sickert, bis hin zu dem unverminderten Zustrom von Migranten, erschüttert die vibrierende Stofflichkeit des „Anderen“, des Nicht-Menschlichen, des Gespenstischen den Mythos und die Selbstzufriedenheit des modernen Selbst. Das kleine Selbst wird auf eine ethische Weise unterbrochen. Unsere Fähigkeiten, die trägen Bewegungen unserer Mutter Erde (Gaia) zu spüren, sind im Wachsen begriffen, obwohl wir diese Erfahrungen oft als krankhaft einstufen. Das Selbst, wie Joanna Macy schreibt, blüht auf und wir beginnen wahrzunehmen, dass wir die Mitbegründer der Welt sind, die uns umgibt. Der Riese Atlas,
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das Urbild des Egos, das erkenntnistheoretische Konstrukt der modernen Identität, trägt nicht mehr die Last der Welt auf seinen Schultern.
Wir beginnen uns anzufreunden mit den Folgerungen, die sich daraus ergeben, dass wir die Welt nicht mehr als das „Andere“ betrachten können. Das ist eine Welt, die nicht nach den Begriffen von Mikro- und Makro-Ebenen oder fein säuberlichen Abgrenzungen zwischen menschlich und nicht-menschlich eingeteilt werden kann. Es ist eine Welt der Verknüpfung und Vernetzung, was uns mit der Frage konfrontiert, wie wir mit dem Aktivismus nun weitermachen wollen.

Bei vielen meiner weltweiten Engagements nehme ich – wie viele andere – das tiefe, träge Meer aus Verzweiflung, Ernüchterung und Erschöpfung wahr, auf dem Gespräche über den Wandel unter Aktivisten zu treiben scheinen. Der einst hohe Ton idealistischer Hoffnungen auf eine radikal andere Welt purzelt um Oktaven tiefer und verwandelt sich in einen Bass aus Zynismus und Ärger. Es scheint, dass wir – egal wie sehr wir uns anstrengen – stets die Realitäten reproduzieren und verstärken, die wir zu bekämpfen hofften.

Viele unserer NGOs und Bürgerbewegungen scheinen gefangen zu sein in einem Machtspiel, einem Kampf um Überlegenheit. Wo Geld fließt, herrscht eine blinde Raserei des Aktivismus, der Hochglanzveröffentlichungen, der Berichte und Programme und des wohlorganisierten Protestes gegen die herrschenden Mächte. Währenddessen sind die herrschenden Mächte gefangen in einem humanistischen Paradigma, unfähig, sich nichtrationalen Wirklichkeiten zu öffnen und sie beschränken sich darauf, dem Kaiser immer weiter neue Kleider anzumessen. Praktiker und Experten fliegen kreuz und quer über den Globus, um dann in hübschen Räumen zu sitzen, in denen sie sich kaum jemals gegenseitig zuhören. Man verkauft seine Agenda und besteht auf dringenden, praktischen Lösungen. Ideen werden ihrer Besonderheiten, ihrer Zeitdimension und ihrer Einzigartigkeit beraubt, um den Finanzierungsanforderungen zu genügen, die nach Maßnahmen im großen Maßstab und nach einer standardisierten Herangehensweise verlangen. Verhandlungsverläufe und Rufe nach Veränderungen werden zu feinsäuberlichen Abschlusserklärungen eingedampft, die bei großen Gipfeltreffen „verkündet“ werden können. Aus MDGs (Millenium Development Goals) werden SGDs (Sustainable Development Goals). Die Machtstrukturen und grundlegenden Sichtweisen unserer existenziellen Krise bleiben unangetastet. Der anstrengungslose Liberalismus ist der Gewinner des Tages und die Welt dreht sich wie verrückt weiter.

Aber egal, im Kern dieser Aufführung bürgerlicher Gerechtigkeit scheint es eine unerschütterliche Idee zu geben, dass wir Agenten des Wandels sind und dass alles was wir brauchen ein bisschen mehr Anstrengung, eventuell die Bündelung unserer vielen Projekte und vielleicht ein griffigeres, zutreffenderes Bild der Transformation ist. Dass wir doch etwas tun müssen für die leidenden Kinder, die aus einer Schule im Norden Nigerias entführt worden sind, dass es fünf vor 12 ist und wir es uns nicht leisten können, unter der Torheit der Leugner des Klimawandels zu leiden, wenn wir als Spezies überleben wollen und schließlich, dass wir uns entscheiden müssen.

Dieses sichere Gefühl für unsere eigene Identität ist vielleicht das eine Ding, das wir nicht einfach loslassen wollen. Unter den Bedingungen eines fortgesetzten Krieges gegen das Selbst, der uns scheinbar von außen durch materielle Umstände aufgezwungen wird, erzeugen wir Schuldgefühle, wenn wir „nichts tun“ und unsere Forderungen nach Wohlbefinden insgeheim auf die Welt als ganze projizieren. Wir entfremden uns von uns selbst, wenn wir uns als abgetrennte Objekte eines
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vorgegebenen moralischen Universums behandeln, quasi als Autoren, als Agenten des Wandels, die die Bürde der Welt tragen, wie der Riese Atlas. Wie Archimedes rufen wir, „gib mir einen festen Punkt und ich bewege die Welt.“ Nur, ein solcher Vorzugspunkt existiert nicht, woran Chinua Achebe uns erinnert. Wir alle müssen uns mit dem Schritt der Erde bewegen. Sich mit dem Schritt der Erde zu bewegen bedeutet die stillschweigende Erkenntnis, dass wir den Luxus „Agenten“ des Wandels zu sein nicht mehr genießen.

Der „Mensch“ schwebt nicht über der Welt, körperlos und distanziert, sondern ist eingebettet in sie. Je mehr und genauer wir uns selbst untersuchen, desto unmöglicher ist es uns, so etwas wie das Individuum zu „finden“. Der moderne Geist versteckt sich in Hirnwindungen und zieht von dort die Register absichtsvollen Handelns. Handeln ist jedoch nicht erlösend, es ist bloß fühlbar. In einer verknüpften Welt kann es keinen Retter und kein Draußen geben. Zu glauben, dass wir nur an der Welt handeln können und dass die Quelle dieser Handlung den unterstellten und vorausbestimmten Bewegungen der Natur fremd ist, bedeutet, dass wir uns selbst ausschließen. Und zwar einerseits von einer großen Vielfalt von Dingen und andererseits von anderen Wegen, auf denen wir über das nachdenken könnten, was heute schon möglich wäre.

Deswegen sagen die Älteren meines Kontinents gerne „die Zeit drängt, lasst uns langsamer machen.“ Sie verstehen, dass wir eine Spezies unter vielen sind und damit untrennbar von den mit uns verbundenen Ökologien, die uns unterhalten. Wenn „wir“ handeln, ist es das Ganze, das handelt – nicht der „Mensch“. In der scheinbar isoliert getroffenen Wahl schwingen nicht unterdrückbar die Absichten der Tierwelt, der Mineralien und der Geschichten mit. Nicht die Welle bricht sich am Strand, es ist der Ozean.

Es empfiehlt sich für uns eine einer Ethik der „Wahrnehmung des Unsichtbaren“ zu folgen. Was würde aus Wirtschaft und Politik, wenn wir uns auf die Suche nach der Weisheit der Bäume machten und die kollektive Intelligenz wahrnehmen würden, von denen wir nach der Behauptung der Moderne abgeschnitten sind? Was würde aus der Erziehung, wenn wir den vielfältigen Wegen des Lernens Aufmerksamkeit schenkten und auf unsere Großmütter und Kinder hörten, statt ihnen den Mund zu verbieten, weil sie keine Zertifikate besitzen? Was würde aus unseren Zusammenkünften und Konferenzen, wenn wir erkennen würden, dass sich gegenseitig zu umarmen genauso entscheidend ist, wie die offizielle Tagesordnung? Was wenn wir dem Geist des Kummers lauschten und den Rhythmen des Nichtwissens und der Verwirrung ihren Lauf ließen?
Was wenn unsere Art über die Krise nachzudenken Teil der Krise ist?

Wir würden beispielsweise gerne glauben, dass der Klimawandel und die ökologische Verwüstung außerhalb von uns stattfinden – etwas, dass wir mit den Handschuhen technologischer Schläue oder verwaltungstechnischer Effizienz loswerden können. Wir würden gerne glauben, dass wir in der Position sind, der Natur Beine zu machen, damit sie unsere vernünftigen Befehle ausführen kann. Und wenn es nicht klappt, werfen wir noch mehr Geld und noch mehr Methodologie und noch mehr Arbeitskraft auf das Problem, in der Hoffnung, dass es dann weggeht. Aber das tut es nicht, weil „wir“ die Krise sind – „wir“ die Verknüpfung von menschlich und nicht-menschlich sind der Ärger, der sich an sich selbst befriedigt. Die Krise ist kein Bruch in unserer Menschlichkeit, oder etwas Verkehrtes, das wir mit Lösungen bombardieren könnten. Es ist das Ganze, das sich selbst betrachtet.
Um diese Rätsel zu würdigen, diese herausfordernden Wirkungszusammenhänge, biete ich eine ungestüme Frage an, um größere Diskussionsräume zu eröffnen und unseren Blick auf die bislang
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unbeachteten Ränder und andere Kraftorte zu lenken. Ich biete dies an wohl wissend, dass die Art von Wandel, der nötig ist, wahrscheinlich nicht das Ergebnis eines Projektes oder eines Spendenaufrufes sein wird. Ich biete dies an wohl wissend, dass es Ressourcen gibt, zu denen wir Zugang haben, die aber für uns unsichtbar bleiben, weil wir geblendet sind von dem Erfordernis der Folgerichtigkeit der richtigen Antwort.

Die Frage lautet: „Was würde ein Berg tun?“ Indem wir dies fragen, erschließen wir uns neue Wege der Beantwortung und Einordnung der kritischen, ungeprüften Fragen und Annahmen, die wir bezüglich der Welt haben: Wer ist der Aktivist, die aktive Zutat hinter der Identität? Was ist die Quelle des Handelns und der Wirkung? Welche Beziehung haben wir zur Krise? Was schließen wir aus unserer Abwägung aus? Gibt es andere Wege über Dringlichkeit nachzudenken? Was steht uns zur Verfügung um den Wandel hervorzubringen, den wir ersehnen? Und ist es immer gut, das Ersehnte wirklich zu erreichen?

Indem wir fragen, was ein Berg tun würde, machen wir unserem Begriff von Macht einen Strich durch die Rechnung und erschließen uns einen reiferen Sinn dafür, wie verknüpft wir mit der Welt sind. Wir stellen uns ein auf die Weisheit des Bodens und öffnen uns für die Erneuerung, die das Paradoxon mit sich bringt. Wir können das den Worten von Karen Barad entnehmen, „es gibt keine Lösungen; es gibt nur die beständige Praxis des offen und lebendig seins gegenüber jeder Begegnung, jeder Interaktion. So können wir unsere Fähigkeit zu antworten, unsere Verantwortung nutzen, können helfen aufzuwecken und jeder neuen Möglichkeit Leben einhauchen um gerecht leben zu können.“

Dass dies jetzt auf der Erde ankommt, hat Chip Richards, Meeres-Aktivist, dazu gebracht, Wege gegen den kommerziellen Walfang zu suchen, aber im Geiste und mit den Energien des Ozeans. Es ist die Empfindsamkeit gegenüber dem Empörenden, die Cynthia Jurs dazu inspirierte, damit zu beginnen geweihte Ton-Schiffchen zu beerdigen um dem Planeten Heilung zukommen zu lassen. Es ist die Würdigung des Schenkens, die es der Bodenrechts-Aktivistin Vinoba Bhave erlaubte, 5 Millionen Morgen Land zu beanspruchen, ohne einen Groschen dafür ausgeben zu müssen.
Und ich vermute, dass es dieses Wahrnehmen, dieses Einstimmen in den Frieden der wilden Dinge, diese Entschleunigung, diese Offenheit für das Unsichtbare, diese Anerkennung des Geschenkes der Ernüchterung, diese Striche durch die Rechnung unserer gewohnheitsmäßigen Gedanken und Herrschaftsmuster, die die Natur zum Objekt machen, oder dieser entscheidende Versprecher ist, der uns sanft in die neuen Kontinente hinüberführen wird, die zu wild und zu kreativ sind, um in Worte und Antworten gefasst zu werden.

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Falling might very well be flying – without the tyranny of coordinates.